Wer sind eigentlich „alle"?

Wer sind eigentlich „alle"?

23. September 2011 | von Birte Frey

Dass es kompliziert ist, die Privatssphäre-Einstellungen des sozialen Netzwerkes Facebook zu verändern, ist bekannt. Doch führt dies sogar dazu, dass Social-Media-Studien verfälscht werden?

Seit ich meine Diplomarbeit über das Thema Medienkompetenz von Jugendlichen in sozialen Netzwerken geschrieben habe, weiß ich wie schwierig der Umgang mit Fachwörtern in diesem Bereich ist. Nicht immer verstehen Menschen dasselbe unter Begriffen wie „Community“ oder „Profilbild“. Insbesondere bei Umfragen in Rahmen von Studien wird es zu einem Problem, wenn derjenige, der den Fragenkatalog entwickelt hat, und die Studienteilnehmer sich nicht das gleiche unter einem Begriff vorstellen. Mitunter kennen die Studienteilnehmer Fachwörter überhaupt nicht. Das kann Studienergebnisse beeinflussen.

Wie strikt sind Privatsphäre-Einstellungen von Jugendlichen wirklich?

Als am 28. August zig Tweets zur soeben herausgegebenen Bitkom-Studie durch meine Timeline rauschten, fiel mir dieser hier auf: Jürgen Ertelt (@ertelt) von den Piraten twitterte:

Dazu ist zu sagen, dass sich Jürgen Ertelt sehr ausführlich mit dem Thema Medienkompetenz auseinandersetzt. Das zeigt schon die Tatsache, dass er aus der Studie zitiert und nicht aus der Zusammenfassung. Aber hat er in diesem Fall recht?

Quelle: Bitkom-Studie 2011, S. 16

Freunde von Freunden von Freunden von Freunden

Aber was sagt die Grafik tatsächlich aus? Mit 55 Prozent sind die 14- bis 29-Jährigen tatsächlich die Altersgruppe, die am häufigsten angegeben hat, dass sie persönliche Daten und Infos „nur für alle Freunde im sozialen Netzwerk“ sichtbar geschaltet hat. Am Beispiel Facebook möchte ich erklären, wo ich hier ein Problem sehe: In dem Social Network ist es möglich, grundsätzlich und bei jeder einzelnen Statusmeldung zu entscheiden, wer diese sehen kann. Bis vor kurzem konnte man wählen zwischen Everyone, Friends of friends, Friends und Customise.

 

Quelle: Screenshot von Facebook
Wobei Everyone mit „alle“ ins Deutsche übersetzt wurde. Wie viele Nutzer (insbesondere Jugendliche) haben da wohl verstanden, das es sich bei „alle“ um alle Internetnutzer handelt und nicht um „alle ihre Freunde“?


Quelle: Bitkom-Studie 2011, S. 17

Wie wird also sichergestellt, dass die Studienteilnehmer die Frage verstanden haben? Bitkom-Pressesprecher Christian Spahr erklärt auf Nachfrage:

„Wir haben zu allen einzelnen Angaben (Alter, Lebenslauf, Beruf etc.) gefragt, für wen diese sichtbar sind, mit den Antwortkategorien:

– Nur für alle meine Freunde im sozialen Netzwerk
– Nur für bestimmte Freunde meiner Freundesliste
– Nur für Mitglieder des sozialen Netzwerks
– Für alle Internetnutzer

Der Befragte wurde damit klar auf den Unterschied ‚für alle Internetnutzer‘ und ‚nur für alle Mitglieder oder Freunde im sozialen Netzwerk‘ aufmerksam gemacht.“

Doch auch wenn Bitkom klar auf diesen Unterschied hinweist, bleibt fraglich, ob alle Befragten wussten, welche Einstellung sie in sozialen Netzwerken wie Facebook tatsächlich angegeben haben: Wer davon ausgeht, dass seine Statusmeldungen nur für seine Freunde zu sehen sind, wird dies auch bei der Befragung im Rahmen der Studie so angeben haben. Es ist aber, wie oben erläutert, nicht davon auszugehen, dass alle Befragten verstanden haben, dass die Einstellungsmöglichkeit „alle“ nicht „alle ihre Freunde“ sondern tatsächlich „alle“ meint.

„alle“ heißt jetzt bei Facebook „öffentlich“

Auch Facebook hat dieses Problem erkannt. Seit kurzem heißen die Einstellungsmöglichkeiten deshalb: Public, Friends und Custum. Publich wird nun mit „öffentlich“ übersetzt. Die Option „Friends of friends“ findet sich jetzt unter Custum, also den individuellen Einstellunsgmöglichkeiten, wieder.


Quelle: Screenshot von Facebook

Die Umfrage für die Bitkom-Studie wird vom Forsa Institut in einer sogenannten In-Home-Befragung am TV-Bildschirm oder PC Antwort durchgeführt. Das heißt auch, die Studienteilnehmer sind alleine, während sie die Fragen beantworten. Diese Methode soll Beeinflussungen durch Interviewer verhindern, allerdings konnte so auch nicht kontrolliert werden, ob die Studienteilnehmer vielleicht im Glauben, sie hätten Inhalte in sozialen Netzwerken nur mit Freunden geteilt, eine falsche Antwort gegeben haben.

Noch mehr Verständnisprobleme mit Fachwörtern

Weiter heißt es in der Studie auf S. 16: „Für wen die einzelnen persönlichen Daten sichtbar sind, hängt stark von den Daten selbst ab. So sind beispielsweise Vor- und Zuname und das Portrait-Foto noch häufig für alle Internetnutzer (28 und 29 Prozent) oder alle Mitglieder des Netzwerkes (37 und 39 Prozent) zu sehen. Party- und Urlaubsfotos machen dagegen die allermeisten nur der Freundesliste oder ausgewählten Freundeskreisen (83 Prozent) zugänglich.“

Moment mal! Portrait-Foto? Ist damit etwa das Profil-Foto gemeint? So ist es, bestätigt mir Christian Spahr von Bitkom. Ob das auch alle Studienteilnehmer verstanden haben, ist unklar. Zumal die Studienteilnehmer, wenn sie bei mehreren sozialen Netzwerken angemeldet sind, sich auf dasjenige beziehen sollten, welches sie am häufigsten nutzen. Das ist – laut der aktuellen Bitkom-Studie – bei den 14- bis 29-Jährigen Facebook (72 Prozent der Altersgruppe nutzen Facebook aktiv). Die Krux: Bei Facebook sind Name, Profil-Foto, Geschlecht, Netzwerk, Username und User ID immer öffentlich abrufbar.


Quelle: Auszug aus den Privatsphäre-Einstellungsoptionen von Facebook

Ob Jürgen Ertelt mit seiner Feststellung, „Jugendliche haben die restriktivsten #privacy-Einstellungen!“ recht hat, bleibt meiner Meinung nach offen, da die Studienergebnisse an dieser Stelle bei genauerer Betrachtung nicht eindeutig sind.

Kommentare

Senf dazu?

23. September 2011 | Manfred

Das sind wohl berechtigte Einwände aber ich würde doch vermuten, dass auch wenn einige User die Begriffe falsch verstanden haben die Fehlertoleranz akzeptabel ist. Man kann schon annehmen, dass User die mit dem Internet aufgewachsen sind, mehr in der Materie drin sind und entsprechend wissen was man von ihnen will – selbst wenn die Frage zweideutig gestellt ist.

23. September 2011 | B.Frey

Hallo Manfred,
ich glaube auch nicht, dass dadurch die Ergebnisse der Studie unbrauchbar geworden sind. Ich habe die letzten Bitkom-Studien selbst in meiner Diplomarbeit verwendet. Ob die Fehlertoleranz akzeptabel ist, kann ich aber nicht beurteilen. Und finde ich es schon schwierig einfach davon auszugehen, die Studienteilnehmer verstehen schon was gemeint ist.

Senf dazu!

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