Web 2.0, Social Web und Social Media: Wording der Online-Kommunikation

Web 2.0, Social Web und Social Media: Wording der Online-Kommunikation

5. Dezember 2011 | von Jan-Kristian Jessen

Die Begriffe Social Media, Web 2.0 und Social Web werden häufig synonym verwendet. Doch auch wenn die Abgrenzung schwer fällt – richtig ist es nicht.

Zugegeben: Die Recherche nach Artikeln, die versuchen, die Mainstream-Vokabeln zu unterscheiden, gestaltet sich schwierig. Zwar finden sich einige Ansätze – wirklich fundiert und aktuell sind aber nur sehr wenige.

Selbst der sonst so verlässliche Partner Wikipedia schwächelt ein wenig: Weder existiert ein Artikel zum Social Web noch taucht der Begriff im Zusammenhang mit Web 2.0 auf. Zumindest in der deutschen Version, die englische Wikipedia ist da bereits einen oder zwei Schritte weiter.

Einen sehr guten Einstieg ins Thema liefert Jan Rechlitz, der in seinem Blog „Pornokratie“ Web 2.0, Social Software, Social Media, Social Networks und Social Web auf Basis seiner Diplomarbeit wissenschaftlich unterscheidet. Auch er stellt fest, dass die Abgrenzung – selbst in der Fachliteratur – nicht einheitlich ist und möchte seine Ergebnisse offen diskutieren.

Zunächst aber ein kleiner Rückblick:

Folgt man Tim Berners-Lee, dem Begründer des World Wide Web, gibt es vom Grundgedanken her zwischen Web 1.0 und Web 2.0 keinen Unterschied:

„Web 1.0 was all about connecting people. […] The idea of the Web as interaction between people is really what the Web is. That was what it was designed to be as a collaborative space where people can interact.“

Bestes Beispiel dafür: Das bereits Ende der 70er entwickelte Usenet, ein elektronisches Netzwerk, das prinzipiell von jedem Menschen genutzt werden kann und sich aus „User“ und „Network“ zusammensetzt.

„Bitte gehen Sie einen Schritt zurück“

Fast 30 Jahre später sprechen wir, O’Reilly folgend, von Web 2.0 oder mitunter sogar von einer „Social Media Revolution“ (Video), wenn es darum geht, dass Menschen im Netz immer intensiver partizipieren (publizieren, kommentieren, bewerten, vernetzen…) können. Wie ist es dazu gekommen?

Es liegt daran, dass zwischenzeitlich das Web von Unternehmen instrumentalisiert wurde, die massenhaft dem Ruf „Wir müssen ins Netz” gefolgt sind. Wolf-Dieter Roth hat es 2006 schon zusammengefasst:

“Die großen Unternehmen […] wollten das WWW und damit dann auch gleich das ganze Internet zu E-Kommerz und Rundfunk umfunktionieren und aus der aktiven Gemeinschaft, in der jeder auch selbst Inhalte beisteuerte, ein passives Konsumgut machen, das nur noch mit vorgekauten Inhalten der großen Konzerne bestückt werden durfte.“

Von daher ist es durchaus angebracht, der Entwicklung der letzten Jahren einen (oder mehrere) Namen zu geben. Nach Rechlitz beschreibt Web 2.0 dabei die „grundsätzliche Entwicklung und Veränderung des Internets“ hin zu mehr Interaktion. Im Vordergrund steht also eine veränderte Nutzung durch die Menschen (oder von der Masse der Menschen – Usenets beispielsweise wurden in der Zwischenzeit ja nicht abgeschaltet). Beispiele sind Wikis, Podcasts, Bookmarks und Social Networks.

Das Social Web baut auf den Prinzipien auf und ist dementsprechend der soziale Teil des Web 2.0, der sich die Technologien und Ideologien zu eigen macht. Konkret bedeutet dies, dass die Nutzer im Social Web die geschaffenen digitalen Räume mittels Social Media und Social Networks einnehmen, wie es Rechlitz zusammenfasst.

Social Media und Social Networks sind also Online-Kommunikationskanäle des Social Webs. Ihre Abgrenzung ist nicht eindeutig, generell unterscheidet sie aber der Grundgedanke: Bei Social Media (Blogs, Wikis…) geht es darum, dass es jedem ermöglicht wird, Inhalte zu erstellen, zu verbreiten, zu bewerten (…), wohingegen Social Networks in erster Linie der Vernetzung der Nutzer dienen (Xing zum Beispiel).

Diese Trennlinie wird in der Praxis aber immer unschärfer. Bei Facebook beispielsweise treffen beide Eigenschaften gleichermaßen zu; so findet sich auf der Startseite der Slogan des Unternehmens:

„Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.“

Claudia Sommer erklärt das Verhältnis so: „Social Media versucht die Kommunikation in und mit sozialen Netzwerken zu beschreiben“. Rechlitz argumentiert in die selbe Richtung und verweist darauf, dass ein Social Network auch über Verlinkungen innerhalb der Blogosphäre entstehen kann. Via Blogroll kann dies auch für Außenstehende schnell ersichtlich sein.

Und am Ende ist doch alles Social Media

Google-Trends-Analyse der Keywords
In der Umgangssprache spielen diese (spitzfindigen) Unterschiede allerdings kaum eine Rolle. Dort werden vor allem Web 2.0 und Social Media mehr oder minder synonym verwendet, wobei ersteres eindeutig an Bedeutung verliert, wie anhand der Google Trends abzulesen ist.

Falls jemandem nach den vielen kleinen Definitionen etwas schwindelig ist, sollte er einen Blick in die Präsentation werfen, in der ich das Verhältnis der Begriffe visualisiert habe:

(SlideShare q+g) Web 2.0, Social Web, Social Media: Wording der Online-Kommunikation

Kommentare

Senf dazu?

5. Dezember 2011 | Jan Eggers

Bliebe noch beizutragen, dass es (a) immer noch keine schöne, handelsübliche Übertragung ins Deutsche gibt („Soziales Internet“?), (b) mir neulich aus einer Runde etwas besserwisserisch, aber nicht ganz unzutreffend entgegengehalten wurde: Die Plattformen des Social Web sind mehrheitlich alles andere als sozial – uns Deutsche führt unser am Gemeinwohl orientiertes Verständnis des Wortes „social“ da ziemlich in die Irre.

5. Dezember 2011 | Jan-Kristian Jessen

Interessanter Einwand. Wenn ich Dich richtig verstehe, meinst Du damit, dass die Unternehmen hinter den Plattformen des Social Web nicht sozial im Sinne von gemeinnützlich sind.

Ich würde argumentieren, dass sich der Begriff „sozial“ gerade wandelt und sich im deutschen Sprachgebrauch ein neuer Aspekt entwickelt. Sozial = frei, vernetzt, ungezwungen usw. So wie es Schindler/Liller in ihrem Buch beschrieben haben (http://bit.ly/eoCRp8).

5. Dezember 2011 | Jan Eggers

War gar nicht so sehr als Einwand gemeint :) – aber gegen die Umdefinition von „sozial“ in „ungezwungen“ würde ich mich wehren. Sozial heißt: Hier geht es um Beziehungen von Menschen zueinander. Von daher bin ich bei Tim Berners-Lee: The Web is about connecting people.

5. März 2012 | Stefan Balazs

Ich kann mir Zusammenhänge besser vor Augen führen, wenn ich diese versuche grafisch zusammenzufassen – habe ich auch mit den Begriffen diesen Beitrag probiert und unter http://anderesachen.blogspot.com/2012/03/info-grafik-wording-der-online.html erläutert.

Danke für die guten Impuls – mir hat’s geholfen.

6. März 2012 | Jan-Kristian Jessen

Cool, dass Du dieses recht komplexe Thema mithilfe eines Graphen visualisiert hast! Ein kleines Problem sehe ich noch: Die Abgrenzung von Social Media und Social Networks passt noch nicht ganz. Aktuell sieht es so aus, als sei Twitter interaktiver als Facebook, weil es höher angeordnet ist. Ich nehme aber mal an, dass Du das gar nicht aussagen willst, oder?

Beste Grüße, Jan-Kristian Jessen

(P.S. Habe hier kommentiert, weil unter Deinem Artikel die Accountauswahl nicht funktioniert hat.)

4. Dezember 2012 | Julia Walter

Ein sehr interessanter Blogeintrag, aus dem ich gern Gedankenansätze für meine Diplomarbeit entnehmen möchte.

Ich hoffe, das ist mir mit den üblichen Zitierweisen gestattet.

Gern weiter so! :)

4. Dezember 2012 | Jan-Kristian Jessen

Na klar, nur zu! Worüber handelt Deine Diplomarbeit denn? Vielleicht kann ich ja noch ein wenig weiterhelfen.

22. Januar 2013 | Julia Walter

Hallo Jan-Kristian,
ich schreibe über starke Marken im Social Web. Also was Unternehmen dafür tun müssen, um ihre Marken gut im Social Web zu positionieren. Und ich nehme deinen Blog-Eintrag als Definitionsgrundlage. Siehst du meine E-Mailadresse bei dir? Melde dich gern. Danke

26. Mai 2015 | Nadiia Syrotyn

Hallo! Ich habe dieses Beitrag für meine Magisterarbeit Kommunikation durch Soziale Medien am Beispiel vom Facebook entnommen! Viellecht haben Sie dazu Materialien?

26. Mai 2015 | Jan-Kristian Jessen

Hallo Nadiia, kannst Du noch etwas näher beschreiben, womit genau (bzw. mit welchen Materialien) ich Dir helfen kann? Das ist mir noch nicht klar geworden. Danke!

Grüße
Jan

Senf dazu!

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