Die Bedeutung journalistischer Ausbildung

Die Bedeutung journalistischer Ausbildung

19. November 2013 | von Jan-Kristian Jessen

An der Hochschule Darmstadt entsteht ein neuer Studiengang: Onlinekommunikation. Er vereint PR, Corporate Learning und Online-Marketing, verzichtet aber auf eine journalistische Ausbildung. Das ist schade.

Mehr als zwei Jahre ist es nun her, dass wir Gründer von quäntchen + glück als ausgebildete Online-Journalisten die Hochschule Darmstadt verlassen haben. Dank Wahloption teilweise mit Schwerpunkt Online-PR.

Nun sollen Online-Journalismus und Online-PR getrennt werden. Professor Thomas Pleil skizziert dazu in seinem Blog knapp ein Jahr, bevor der neue Bachelor-Studiengang „Onlinekommunikation“ starten soll, sehr transparent den Stand der Planung und bittet um Feedback.

Illustration: Studiengang Online-Kommunikation

Illustration: Studiengang Onlinekommunikation

Ein wesentlicher Schritt ist zunächst die Bezeichnung und die Idee dahinter: Online-Kommunikation passt hervorragend. Es beschreibt all das, womit sich Unternehmen und Organisationen im Web beschäftigen – von der mobil optimierten Corporate Website über E-Mail-Marketing bis zur Social-Media-Strategie. Darüber hinaus ist der Begriff beständiger als Modeworte wie Web 2.0 oder Social Media.

Langfristig wird vermutlich das „Online“ weichen (wie Pleil auch in einem früheren Beitrag ausführt), sodass wir nur noch von „Kommunikation“ sprechen – das wird aber in Zeiten nicht auslesbarer Pressemitteilungen per PDF (leider kein Witz) noch auf sich warten lassen.

Wie viel Inhalt passt in einen Bachelor?

Ausgelegt ist der Bachelor auf sieben Semester, inklusive eines Berufspraktischen Semesters (BPS). In den ersten anderthalb Jahren wird es theoretische und praktische Kurse zu vielen verschiedenen Bereichen der Online-Kommunikation geben (im dritten Semester gibt es Wahloptionen):

  • Multimedia-Technologie
  • Content Develpment (Recherche & Text im Web)
  • Wirtschaft (VWL & Marketing)
  • Unternehmenskommunikation und Öffentlichkeit
  • Kommunizieren im Beruf
  • Wissenschaftliches Arbeiten
  • Onlinekommunikation: Theorie und Berufspraxis (inkl. Gastvorträge)
  • Content Strategie und Nutzerforschung
  • Coding & Scripting
  • Visuelle Kommunikation (Grundlagen, Praxis Bild)
  • Medienrecht und Kommunikations-Governance
  • Medienpsychologie
  • Fremdsprache
  • Forschung: Methoden und Statistik
  • Projekt- und Wissensmanagement im Netz
  • Sozial- und Kulturwissenschaften
  • Videos in PR und Lernen

Sieht ganz schön viel aus? Ist es auch. In unseren Augen zu viel.

Für jeden Punkt wird es gute Gründe geben und hinter vielen haben wir gedanklich ein Ausrufezeichen gesetzt. Aber hier könnte die Bezeichnung des Studiengangs zum Nachteil werden. Dann nämlich, wenn zu viele Disziplinen abgedeckt werden sollen.

Konkret fragen wir uns, ob etwa VWL, Marketing, wissenschaftliches Arbeiten und Forschung die Grundidee unterstützen oder das Ergebnis verwässern:

„Der Studiengang Onlinekommunikation soll Studierende dabei unterstützen, ein Kommunikationsverständnis zu entwickeln, wie es in Unternehmen, Organisationen und Agenturen unter dem Vorzeichen veränderter Öffentlichkeiten anschlussfähig sein soll.“

Die Frage, wie viel Inhalt in einen Bachelor passt, ist hier keine rhetorische.

Passender wäre an dieser Stelle aus unserer Sicht, die vorgesehenen Lernagenturen schon früher einzuplanen – und nicht erst als Vertiefung ab dem vierten Semester. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass die damit gemeinte Projektarbeit zu sehr vielen und wichtigen Erfahrungen und Erkenntnissen führt und nicht früh genug kommen kann. Dabei wird gleichzeitig das Projekt- und Wissensmanagement im Netz trainiert – in den ersten Semestern gerne unter Anleitung erfahrener Projektmanager.

Wie viel Journalismus in Online-Kommunikation?

Was uns in der Aufzählung wirklich fehlt, ist aber die journalistische Ausbildung. Zwar finden sich unter „Content Development“ Recherche und Text im Web. Das scheint uns aber nicht weit genug zu führen.

Wir bei quäntchen + glück merken bei so gut wie jedem Projekt, wie sehr wir von unserem journalistischen Hintergrund profitieren: In sechs Textwerkstätten haben wir eine fundierte textliche Ausbildung erhalten, dazu mehrere Kurse zu Themenfindung und Recherche durchlaufen. Nicht zu vergessen, das Verständnis des gesamten Mediensystems bzw. der Medienwirtschaft.

Dank der journalistischen Projekte darmspiegel und Nachts in Darmstadt haben wir gelernt, was Content-Planung und Rechercheumgebung in der Praxis bedeutet. Diese Erfahrungen bilden heute die Basis für jede Content-Strategie, die wir erarbeiten. Gleichzeitig steigt das Verständnis für die Arbeitsweise von Journalisten mit jedem Moment, den man selbst journalistisch gearbeitet und gedacht hat.

Gerade durch den Überfluss an Informationen, die wir täglich konsumieren, ist überdies kritische Quellenkritik unerlässlich. Dafür muss ich aber unter anderem zunächst verstehen, warum mich welche Information erreicht und welche Methoden es gibt, sie zu überprüfen. Oder ist damit der Punkt Credibility in der Mozilla-Chart gemeint?

Unsere Erfahrung als Dozenten in den Jornalismus-Studiengängen zeigt, dass vielen Studienanfängern einfache Basics wie logischer Textaufbau, Zitier-Regeln oder auch (einfache) Fachbegriffe wie Mantel oder Ressort fehlen. Was gar nicht schlimm ist, denn woher sollen Schüler das wissen? Für den Beruf des Kommunikators sind sie aber unerlässlich.

Unsere These lautet also: Online-Kommunikation funktioniert nicht ohne journalistische Ausbildung.

Und da passt es doch wunderbar, dass es den Online-Journalismus-Bachelor an der Hochschule weiterhin geben wird. Wir denken, dass es hinsichtlich Themenfindung, Recherche und Texten sinnvoll wäre, gemeinsame Kurse anzubieten. Genau so, wie es angedacht ist, Informatik-Studenten in die Lernagenturen einzubinden.

Was wir noch zu sagen hätten:

Besonders positiv ist in unseren Augen die Vertiefung Corporate Learning ab dem vierten Semester. Genau der richtige Ansatz! Das Internet hat den Weg von Informationen an die Öffentlichkeit so grundlegend und rasant geändert, dass ein Großteil der Akteure damit schlicht überfordert ist. Das „Enablen“ ist Teil fast jedes Projektes, an dem wir arbeiten – und das wird sich so schnell nicht ändern. Bis sich die Veränderungen (vor allem) bei den mittleren und großen Unternehmen etabliert haben, werden noch viele Jahre vergehen. Und danach wird es neue Aspekte geben, für die Enabler gebraucht werden. Umso besser also, wenn Studenten darin ausgebildet werden.

Hier wird aber auch eine besondere Herausforderung des Studiengangs deutlich: das Recruiting der Enabler. Ganz banal ausgedrückt: Für Change-Kommunikation muss man auch der passende Typ sein. Die nötigen Soft-Skills und die Führungskompetenz ist manchen Personen eher in die Wiege gelegt als anderen. Daher die Frage: Wie werden die 40 Studierenden ausgewählt?

Zur Pflicht werden sollte der Besuch von Web-Veranstaltungen wie Barcamps, Webmontagen und Twittwochs – inklusive Halten einer Präsentation. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es zahlreiche Wege, das Gelernte aus dem Studium parallel mit Erfahrungen auf Events abzugleichen. Das geschieht derzeit aber noch viel zu wenig. Bislang hatte nur in einem der drei Semesterprojekte Communication Camp ein Teilnehmer zuvor ein Barcamp besucht.

Die in den Kommentaren von Bastian Ewald angesprochenen „Business Cases“ würden wir erweitern zu Wahlangeboten in den letzten Semestern mit dem Thema Existenzgründung und was damit alles zu beachten ist. Wir haben zum Beispiel davon profitiert, dass wir unseren Agentur-Business-Plan im Marketing-Kurs schreiben konnten. Das sollte kommenden Ausgründungen auch ermöglicht werden.

tl;dr: Der Studiengang Onlinekommunikation ist auf einem guten Weg. Unser Rat: das Kursangebot insgesamt reduzieren, aber um journalistische Kompetenzen ergänzen.

Kommentare

Senf dazu?

20. November 2013 | Thomas Pleil

Hallo Jan,

ganz herzlichen Dank für die ausführliche und konstruktive Rückmeldung – ich kann mir vorstellen, Ihr habt den ein oder anderen Aspekt auch im Team diskutiert, insofern auch allen anderen „danke“ hierfür.

Zu den erwähnten Punkten ein paar Überlegungen:
– Projekte/Lernagenturen: diese sind jetzt mit 8 SWS geplant, der Studiengang soll also noch projektorientierter werden. Richtig ist, dass das früher beginnen muss als im Blogpost vorgesehen. Aktueller Stand der Planung: Es gibt im 2. Semester mit dem „Labor“ ein kleineres Projekt (4 SWS, Versuchsküche, die Studies sollen im Web publizieren lernen z.B. Blog aufsetzen und füttern oder Livekommunikation zu einem Event machen etc.) und ab dem 3. Semester kommen insgesamt drei große Projekte (also eines mehr als im Blogpost erwähnt)
– zum Umfang des Angebots: die Liste, die Du oben aufgegriffen hast, spiegelt 58 SWS wieder, pro Semester müssen wir 24 verplanen (Standard in jedem Bachelor). Da wir sieben Semester planen, bleibt dennoch ein WP-Anteil, der weit höher ist als in unserem bisherigen Journalismus-Studiengängen (Planungsstand: 3x die Wahl aus jeweils zwei Projekten + 7-9 WP-Module à 4 SWS) im Studienverlauf. Die ausgewählten Themen muss man sicher noch fein tunen. Grundsätzlich halte ich es aber für zwingend, bestimmte Grundlagen verpflichtend zu planen (die übrigens auch wissenschaftliche Arbeitsweisen einschließen müssen; hierzu gehört z.B. auch ein Verständnis, wie Studien zu Stande kommen und einzuordnen sind etc.pp). Insofern: Den Vorschlag des Abspeckens sehe ich eher kritisch.
– Das Argument zum redaktionellen Anteil nehme ich gern mit. In einigen Modulen ist das implizit vorgesehen. Bespiel: Wenn man im „Labor“ bloggt, spielen Themenfindung, Quellenkritik, Textchoaching etc. automatisch zusammen. Dennoch bleibt das ein kritischer Punkt, da habt Ihr Recht. Ich würde gern noch weitere Textwerkstätten unterbringen, daran muss ich basteln.
– Die Idee, Web-Veranstaltungen verpflichtend zu machen, ist super!
– Auswahl der Studenten: Ich bin da hin- und hergerissen. Ein Vorpraktikum scheint mir in jedem Fall sinnvoll, damit die Leute sich das Arbeitsfeld vorstellen können. Bei weitere Auswahlkriterien bin ich eher vorsichtig: Ich verstehe unter dem Bildungsauftrag der Hochschule auch, die Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen und bin nicht überzeugt davon, dass es fair ist, nur entwickelten Persönlichkeiten mit perfekten Soft Skills die Türe zu öffnen. Ich meine, mit 8 SWS umfassenden Projekten kann man neben fachlichem Input gemeinsam intensiv an Soft Skills arbeiten (und auch mal einen extra Coach reinholen). Und ich hoffe natürlich, dass wir eine Studiengangskultur entwickeln können, die gut mit dem zusammenpasst, was wir zum Thema Unternehmenskultur lehren wollen. In der Vergangenheit hatte ich oft den Eindruck, dass manche/r eine Eignungsprüfung nicht beständen hätte, sich aber nach einigen Semester toll entwickelt hat. Entschieden ist hierzu aber noch nichts.

Im Moment geht es intern intensiv um Frage von Ressourcen, ich hoffe, dass alles klappt. Und natürlich freue ich mich sehr, wenn Ihr weiterhin das Ganze aufmerksam und kritisch begleitet – und auch in Zukunft an der ein oder anderen Stelle im Boot seid.

15. Dezember 2013 | jan

Hallo Thomas,

Danke für die ausführliche Reaktion und Eure Bereitschaft, so offen das Konzept zu diskutieren.

Zur Integration der journalistischen Ausbildung: Ist es da möglich, Vorlesungen zusammenzulegen mit den OJs? Gerade vor dem Hintergrund, dass Du das Abspecken kritisch siehst, bleibt natürlich die Frage, wo noch Platz für journal. Kurse bleibt. In meinen Augen sind diese Kompetenzen so grundlegend für die weitere Laufbahn, dass im Zweifel manche Inhalte der zitierten Liste lieber in einen späteren WP-Bereich oder Master wandern sollten. Welche das im Detail sind, kann ich von außen nicht bewerten (Dein Argument zum Einschätzen von Studien ist zB stechend!).

Was die Auswahl der Studenten angeht, stimme ich Dir soweit zu, dass es für eine Hochschule nicht funktioniert, nur nach solchen mit perfekten Soft Skills zu suchen. Ich glaube aber auch, dass es diese in der Altersstruktur nur sehr selten gibt. Vielleicht sollte die Auswahl zeitlich eher vor den Vertiefungen liegen. Selbst- und Fremdwahrnehmung sind ja nicht zwingend deckungsgleich und nach vier Semestern können die Professoren einschätzen, ob die Vertiefung Corporate Learning wirklich die richtige ist.

Senf dazu!

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